ImpulsUm5Vor6

„Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt.“ (Mk 9, 23)

Das sagt Jesus, als ein Mann mit seinem lange, und wie es scheint, unheilbar krankem Sohn zu ihm kommt. Er ist verzweifelt, denn so lange er schon auf Hilfe gehofft hat, so lange ist seine Hoffnung enttäuscht worden. Und nun steht Jesus vor ihm, der Jesus, von dem so viel Gutes berichtet wird, der Jesus, der davon spricht, dass für Gott möglich ist, was für den Menschen unmöglich ist (Lk 18, 27).

Und so fragt er nicht höflich oder sagt es in ruhigem Ton, nein er schreit in seiner Verzweiflung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24) Er wird laut gegenüber Jesus, laut gegenüber Gott, der ihm und uns allen doch versprochen hat, bei uns zu sein.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!, Hinter diesem Ausruf verbirgt sich für ihn die Frage: Wage ich, Jesus so zu vertrauen, so an ihn zu glauben, dass Heilung doch möglich ist?   Oder wage ich es nicht? 

Der Zweifel und die Angst, die hinter diesem steht sind dabei keine bewusste Verweigerung des Glaubens, sondern die Reaktion auf den schweren Umstand, der ihn in dieses Dilemma hineingeführt hat - die schwere Krankheit seines Sohnes und die Erkenntnis: Mein eigener Glaube ist angefochten, wird er standhalten können? Das Gefühl, am Boden zu sein, zu stolpern und zu fallen in unserem Glauben, das kenne ich auch. Die klassische Theodizee Frage warum Gott Leid zulässt, haben sich schon vor mir Millionen andere gefragt.

Als Außenstehende kann ich mich manchmal nur wundern wie fest manche Menschen im Glauben stehen müssen, um an dem ihnen zugefügten Leid nicht zu zerbrechen und ich zweifle an meiner Stärke und an meinem Glauben, könnte ich das aushalten und würde mein Glaube standhalten? Kann die Warum-Frage und der Unglaube unseren Glauben „ersticken“?

Dietrich Bonhoeffer setzt sich in seiner Haftzeit im Gestapo-Gefängnis in Berlin mit dieser Frage auseinander. Wie es ist, Häftling zu sein, abgeschnitten von der Familie, mit einer ungewissen Zukunft. Und dabei den Glauben nicht zu verlieren. In der Zeit, in der ihm jeder Schwäche und Verzweiflung zugestanden hätte bleibt er stark für andere, denen er seine Zeit und seine Briefe widmet. Er bleibt nicht in der Warum-Frage stecken, er lebt seine Zweifel und seinen Unglauben getragen vom Glauben vor Gott, der ihm die Stärke gibt das nicht zu Verstehende auszuhalten und die Nähe zu Gott nicht zu verlieren.

Die Jahreslosung 2020 aus dem Markusevangelium ist so kostbar, weil sie inmitten eine Zeit spricht, in der viele Menschen von Zweifeln und der Frage nach dem Warum gequält werden. Sei es aufgrund von persönlichen Schicksalen oder aber wegen des politischen Klimas, oder einer pandemischen Krise wie wir sie gerade alle erleben.

Die Losung ist kein Imperativ ( wie z. B. die Losung des vergangenen Jahres: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ Ps 34, 15), kein Glaubenssatz („Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“ Mt 28,20), sondern ein Aufschrei

Unsere Zweifel, unseren Unglauben unsere Angst und Wut, all das schreie ich dem entgegen, der die Antworten kennt. Ich schreie so wie einst die Beter der Psalmen geschrien haben und ich jubele, so wie sie gejubelt haben. Sie werfen Gott alles vor und danken zugleich für alles, was durch ihn gelingt. In diesem Sinne heißt Glauben in Verbindung mit Zweifel trotzig Festhalten an Gott, ihn nicht aufgeben.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! -
Ich glaube und ich zweifle!
Ich zweifle, aber ich glaube!

Für mich ist die Jahreslosung kein Widerspruch, sondern im Gegenteil ein ermutigender Zuspruch, sowohl zu unserem Glauben als auch zu unseren Zweifeln stehen zu dürfen. Gegenüber anderen Menschen und auch gegenüber Gott. Und wir müssen das nicht leise tun.

Amen

Eure Annekatrin