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Interview mit Dekan Hartmut Zweigle

Im Blickpunkt haben wir auf diese Langversion des Gesprächs mit Dekan Zweigle verwiesen – hier ist es nun! Viel Spaß beim Lesen. Das Interview führte Thomas Vollmer. 

 

Hartmut Zweigle wurde 1962 in Esslingen geboren. Nach dem Theologie-Studium in Tübingen und Bern war er als Pfarrer in Böblingen, Sindelfingen und Stuttgart-Feuerbach. Seit dem 15. April 2020 ist er Dekan unseres Kirchenbezirks Göppingen.

Herr Zweigle, was hat Sie am Kirchenbezirk Göppingen überrascht?
Ehe ich mich beworben habe, hatte ich das Bild von einem völlig industriell geprägten Kirchenbezirk. Dieses Bild ist wohl durch die Fahrten auf der B 10 durch das Filstal entstanden. Bei meiner Erkundung an mehreren Wochenenden durch alle Gemeinden des Kirchenbezirks ist mir dann jedoch schnell klar geworden: Dies ist nur eine Seite des Kirchenbezirks. Vieles ist hier ländlich in wunderschöner Landschaft.

 

Welche neuen Erfahrungen haben Sie in Ihrem ersten Jahr als Dekan gemacht?
Ich konnte eine ganze Reihe neuer Erfahrungen machen. Drei Stichworte will ich nennen: Wie man Sitzungen, Gespräche und Verhandlungen auch digital durchführen kann. Was die Digitalisierung für uns als Kirche künftig bedeutet, ist eine spannende Frage. Das zweite, dass vieles im ersten Jahr nur sehr kurzfristig planbar war wie etwa die Gottesdienste an Weihnachten. Das hat Kraft gekostet, zeigte mir aber auch, dass es in unserer Kirche möglich ist, unkonventionelle Wege zu gehen – wie etwa durch einen Autogottesdienst, den zwei Gemeinden durchgeführt haben. Und ein Letztes: Als Dekan hat man mit unglaublich vielen Themen zu tun. Es ist unmöglich, sich da in allem auszukennen. Mir ist ganz neu deutlich geworden, wie sehr ich auf die Unterstützung andere angewiesen bin. Dankbar blicke ich in diesem einen Jahr auf die vielfältige Unterstützung zurück, auf die ich mich verlassen konnte.

 

Welche Rolle hat Jugendarbeit in Ihrem Leben gespielt? Wie hat die Jugendarbeit Sie geprägt?
Ohne die kirchliche Jugendarbeit wäre ich vermutlich nicht Pfarrer geworden. In der Jugendgruppe haben wir uns einerseits intensiv damit beschäftigt, was es heißt Christin und Christ zu sein, etwa durch Bibelarbeiten. Anderseits war uns damals die politische Dimension von Kirche sehr wichtig. Besonders prägend war das Engagement für das, was man damals „Dritte Welt“ nannte. Zusammen mit anderen habe ich als Jugendlicher fair gehandelte Produkte aus der „Dritten Welt“ verkauft. Einige Jahre lang habe ich selbst eine Jugendgruppe geleitet. Diese Erfahrung hat mir später als Pfarrer in der Konfirmandenarbeit geholfen. Unvergesslich sind für mich auch die vielen Jugendfreizeiten, die ich mitgemacht habe. Noch immer sehe ich vor mir, wie wir am Lagerfeuer aus der „Mundorgel“ gesungen haben.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Kirche in den kommenden Jahren? Wie meistern wir diese Herausforderungen?
Vermutlich wird die Kirche – aus den verschiedenen Gründen – kleiner werden. Mir ist es wichtig, dass sie dabei nicht kleinlicher wird und sich nicht abschottet, auch wenn unsere finanziellen Möglichkeiten enger werden. Unseren Anspruch in die Öffentlichkeit hineinzuwirken, sollten wir nicht aufgeben, weil – fromm gesprochen – die frohe Botschaft des Evangeliums für alle gilt, nicht nur für Christinnen und Christen.
Es gibt natürlich viele Herausforderungen: Wie erreichen wir unterschiedliche Generationen und Milieus? Was machen wir mit unseren vielen Gebäuden? Wie finden wir eine Sprache, die Menschen erreicht, sie berührt und tröstet; wie Gottesdienste, die ansprechen? Was müssen wir lassen, was neu anfangen? Wie bringen wir Frömmigkeit und diakonisches Handeln zusammen? Für diese Herausforderungen gibt es keine einfachen Lösungen. Ja, mehr noch: Mit Aktivismus können wir die Kirche nicht retten! Als Kirche leben wir vom Vertrauen, dass bei allen Herausforderungen Gott uns trägt und für uns sorgt. Zugespitzt gesagt: Die Zukunft der Kirche liegt bei Gott. Ohne dieses Vertrauen fehlt Entscheidendes.

 

Welche Rolle spielt dabei die Jugendarbeit?
Wir erleben als Kirche einen Traditionsabbruch. Dies ist besonders deutlich, wenn man sieht, wie fremd für die meisten Jugendlichen Kirche geworden ist. Jugendarbeit hat die wichtige Aufgabe eine Brücke zu Jugendlichen zu schlagen. Wenn kirchliche Jugendarbeit gelingt, dann erfahren Jugendliche, dass sie wertvoll sind, ohne dass sie etwas leisten zu müssen. Dann erfahren sie Gemeinschaft, die prägend für ihr Leben ist. Dann sehen sie, dass Kirche auch ganz anders sein kann als sie es in den traditionellen Gottesdiensten erleben.

 

Gibt es eine verrückte Idee, die Sie bisher noch nicht umsetzen konnten, aber gerne umsetzen würden?
(lacht) Ein Freund, der aus Heiningen kommt, hat mir bei meiner Investitur in seinem Zeugenwort versprochen, dass er mit mir nach Corona auf dem Traktor durch den Kirchenbezirk fährt und mir noch unbekannte Ecken zeigt. Wenn er geglaubt hat, dass ich sein Versprechen nicht ernst nehme, hat er sich gründlich getäuscht. Ob man das mit Besuchen in den Gemeinden verbinden oder mit Begegnungen verknüpfen kann, überlege ich noch ….

 

Mit was macht man Ihnen eine Freude?
Mit einem guten Buch und Live-Musik, Himbeerkuchen und Sauerbaten, guten Gesprächen und Humor.

 

Sie haben ein Buch über Gustav Werner geschrieben. Was fasziniert Sie an ihm?
Gustav Werner hat aus einer tiefen Frömmigkeit heraus Menschen auf der Schattenseite des Lebens, z. B. Menschen mit Behinderungen, Altersgebrechlichen, Arbeitslosen, psychisch Kranken oder verhaltensauffälligen Jugendlichen in verschiedener Weise geholfen. Sie sollten für ihn dazugehören und nicht außerhalb der Gesellschaft stehen. Gleichzeitig hat er gegen viele Widerstände versucht, christliche Werte und die Arbeitswelt im 19. Jahrhundert zusammenzubringen. Wie er unbeirrbar als Christ gegen den damaligen Zeitgeist an der Idee der Würde aller und der Gerechtigkeit festgehalten und schwäbisch praktisch danach gehandelt hat, imponiert mir.

 

Welche Bibelstelle ist Ihnen wichtig?
Je nach Lebenssituation sind mir unterschiedliche Bibelworte wichtig. Vor kurzem bin ich in der Einheitsübersetzung auf eine Bibelstelle in Titus 2,11 gestoßen, die mich sehr berührt hat: „Uns ist erschienen die Güte und die Menschenfreundlichkeit Gottes.“

 

Beschreiben Sie sich bitte in einem Satz:
Oh je, diese Aufgabe überfordert mich. Das mögen andere tun. Meinem Buch über Gustav Werner habe ich einen Satz des Dichters Conrad Ferdinand Meyer vorangestellt: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“

 

Geben Sie uns bitte noch einen kurzen tabellarischen Überblick über Ihren Lebenslauf:
Geboren 1962 in Esslingen
nach dem Abitur: Studium der Theologie in Tübingen und Bern
In der Mitte des Studiums: einjähriges Praktikum in der Evangelischen Studentengemeinde (ESG): Organisation und Durchführung von Sprachkursen für Asylbewerber
1992-1995: Vikar in der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Böblingen
1995-1999: Pfarrer zur Dienstaushilfe
1999-2013: Pfarrer auf der „Gemeindebezogenen Sonderpfarrstelle Betriebsseelsorge“ in Sindelfingen
2013-2020: geschäftsführender Gemeindepfarrer in Stuttgart-Feuerbach
seit 15. April 2020: Dekan im Kirchenbezirk Göppingen
Seit 2011: Vorsitzender des Berufsverbandes „Evangelischer Pfarrverein in Württemberg“

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